Poing, 28. Mai 2026 – In den Bereichen Reifenservice und -instandhaltung sind fundiertes Fachwissen und handwerkliches Können entscheidend für Sicherheit und Qualität. Gleichzeitig verändern neue Reifentechnologien, steigende Anforderungen und der Fokus auf nachhaltige Nutzung das Berufsbild kontinuierlich. Die Vulkaniseur-Ausbildung bildet dabei die zentrale Grundlage – und gewinnt angesichts wachsender Anforderungen weiter an Bedeutung.
Welche Entwicklungen das Berufsbild heute prägen und welche Rolle die Ausbildung dabei spielt, erläutert Gerhard Hieber. Er ist seit über 40 Jahren bei REMA TIP TOP tätig und engagiert sich seit vielen Jahren aktiv in der Ausbildung von Vulkaniseurinnen und Vulkaniseuren sowie in der Qualifizierung von Fachkräften.
Als Quereinsteiger bei REMA TIP TOP entdeckte er eher zufällig das Berufsbild, das ihn bis heute prägt: „Erst bei REMA TIP TOP habe ich erfahren, dass es den Beruf des Vulkaniseurs überhaupt gibt. Das hat mich sofort gepackt und seitdem nicht mehr losgelassen.“
Sein beruflicher Werdegang führte ihn von der Werkstoffprüfung über die Entwicklung von Reparaturmaterialien bis hin zur Meisterqualifikation und in leitende Funktionen im Bereich REMA Motion. Parallel dazu engagiert er sich seit vielen Jahren in der Ausbildung, begleitet Nachwuchskräfte auf ihrem Weg in den Beruf und bringt seine Erfahrung in Schulungen sowie in Gremienarbeit im Handwerk ein. Diese breite Erfahrung prägt auch seinen Blick auf die Ausbildung: „Man lernt nie aus. Die Entwicklung im Reifenbereich schreitet ständig voran, sei es bei UHP- oder Runflat-Technologien, im Lkw- und Agrarbereich oder bei OTR-Reifen, die extremen Belastungen standhalten müssen.“
Vor diesem Hintergrund sieht Gerhard Hieber die Vulkaniseur-Ausbildung als wichtigen Baustein für die Zukunft der Branche – auch wenn der Nachwuchs weiterhin begrenzt ist: „Viele kennen dieses Berufsbild gar nicht. Dabei bietet es eine sehr gute Perspektive.“ Gerade im Hinblick auf Nachhaltigkeit gewinnt das Thema zusätzlich an Bedeutung. Durch die fachgerechte Reparatur und Runderneuerung von Reifen werden Ressourcen geschont und das Potenzial eines Reifens bis zum Lebensende ausgeschöpft.
Trotz moderner Technologien ist handwerkliches Know-how nach wie vor unverzichtbar. „Das Verständnis für Materialien und deren Verarbeitung ist die Grundlage jeder erfolgreichen Reparatur“, betont Hieber. Entscheidend sei insbesondere die richtige Einschätzung von Schadensbildern: „Wenn hier das handwerkliche Geschick fehlt, ist ein Ausfall oft schon vorprogrammiert.“ Neben praktischem Können sind daher auch Prozessverständnis sowie die sichere Anwendung von Vorgaben und Richtlinien zentrale Voraussetzungen für diesen Beruf.
Gleichzeitig hat sich das Berufsbild in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gewandelt. Moderne Reifenformate und Technologien stellen neue Anforderungen an Fachkräfte und Ausrüstung. „Ein Pkw-Reifen ist heute nicht mehr mit früher vergleichbar. Wir sprechen von UHP- und Runflat-Reifen mit großen Dimensionen, die nur noch mit hochentwickelten Maschinen montiert werden können.“ Auch neue Materialien und regulatorische Vorgaben haben viele frühere Verfahren abgelöst. Hinzu kommt der steigende Einfluss von Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen.
Diese Entwicklung führt dazu, dass der Beruf insgesamt anspruchsvoller wird. Eine Tendenz, die sich fortsetzen wird, denn: „Solange wir Gummi als Werkstoff einsetzen, wird es keinen Stillstand geben.“
Umso wichtiger ist daher die kontinuierliche Weiterbildung – sowohl im eigenen Unternehmen als auch darüber hinaus. Hieber selbst ist regelmäßig in Schulungen aktiv und gibt sein Wissen an Nachwuchskräfte und erfahrene Anwender weiter. In den Trainings geht es häufig darum, Arbeitsschritte zu festigen, zu überprüfen und Sicherheit in der Anwendung zu gewinnen. „Viele wollen bestätigt bekommen, dass sie alles richtig machen. Genau hier setzen Trainings an.“ Denn im Reifenservice wird mit sicherheitsrelevanten Bauteilen gearbeitet. „Halbwissen kann hier schwerwiegende Folgen haben.“
Neben den unternehmensinternen Angeboten spielen auch externe Initiativen eine wichtige Rolle. Programme wie die der Stahlgruber Gesellschafter-Stiftung leisten einen wichtigen Beitrag zur Qualifizierung von Fachkräften. „Solche Schulungen sind enorm wichtig, um auf dem aktuellen Stand zu bleiben und den Anschluss an neue Technologien nicht zu verlieren.“ Gleichzeitig tragen sie dazu bei, das Berufsbild insgesamt sichtbarer und attraktiver zu machen.
Positiv bewertet Hieber die Entwicklung beim Nachwuchs: „Das Interesse ist wieder gestiegen. Viele erkennen, dass sie hier als Problemlöser gefragt sind.“ Dennoch sieht er weiterhin Handlungsbedarf, insbesondere bei der Bekanntheit des Berufs: „Wir müssen das Thema stärker in die Schulen bringen. Viele wissen gar nicht, welche Möglichkeiten es gibt.
“Für die Zukunft der Vulkaniseur-Ausbildung sieht Hieber insgesamt gute Perspektiven. Neue Technologien – etwa im Zuge der E-Mobilität – werden zusätzliche Anforderungen schaffen, gleichzeitig bleibt der Bedarf an qualifizierten Fachkräften hoch.
Sein persönlicher Antrieb ist dabei unverändert: Wissen weiterzugeben und die nächste Generation zu fördern. „Es macht keinen Sinn, Erfahrung für sich zu behalten. Davon sollen alle profitieren – ob heute oder in Zukunft.“


